Ausgerechnet Shelly. Für viele Home Assistant Nutzer ist die Marke so etwas wie der Gegenentwurf zum typischen Cloud Smart Home: kleine Module, offene Schnittstellen, lokale Steuerung und Geräte, die sich ziemlich problemlos in andere Systeme einbinden lassen. Genau dieses Unternehmen soll nun unter das Dach eines Milliardenkonzerns kommen.

Die geplante Shelly Übernahme durch Schneider Electric ist offiziell. Der französische Energietechnik Konzern plant ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot und bietet 70 Euro je Shelly Aktie. Damit wird Shelly mit rund 1,2 Milliarden Euro bewertet. Die entscheidende Frage für uns ist aber nicht, was eine Aktie kostet. Die spannendere Frage lautet: Was passiert mit dem offenen Shelly Ökosystem, Home Assistant und der lokalen Steuerung?

Die kurze Antwort: Heute ändert sich für bestehende Shelly Nutzer erst einmal gar nichts. Die längere Antwort ist deutlich interessanter.

Was genau wurde vereinbart?

Am 24. September 2026 hat die Shelly Group die geplante Transaktion offiziell bestätigt. Schneider Electric will über eine Tochtergesellschaft 70 Euro in bar für jede ausstehende Shelly Aktie bieten. Das entspricht einer Unternehmensbewertung von ungefähr 1,2 Milliarden Euro.

Ganz durch ist die Übernahme allerdings noch nicht. Das Angebot muss noch den regulatorischen Prozess durchlaufen. Außerdem gilt eine Mindestannahmeschwelle von 95 Prozent des Aktienkapitals. Wenn alle Bedingungen erfüllt sind, rechnen die Unternehmen mit einem Abschluss bis zum ersten Quartal 2027.

Wichtig ist auch: Die beiden Shelly Gründer unterstützen den Deal. Dimitar Dimitrov hält ungefähr 29 Prozent der Aktien, will seine Anteile einbringen, einen Teil des Erlöses wieder gemeinsam mit Schneider Electric investieren und anschließend Co CEO bleiben. Mitgründer Svetlin Todorov kontrolliert rund 28 Prozent und hat sich zum Verkauf seiner Anteile in zwei Schritten verpflichtet.

Damit stehen hinter dem Angebot bereits Aktionäre, die zusammen ungefähr 57 Prozent von Shelly kontrollieren. Schneider Electric macht außerdem deutlich, dass bei erfolgreichem Abschluss eine vollständige Übernahme und möglicherweise auch ein späteres Delisting angestrebt werden.

Warum Schneider Electric ausgerechnet Shelly will

Auf den ersten Blick wirkt die Kombination vielleicht seltsam. Auf der einen Seite sitzt Shelly mit seinen winzigen Relais hinter Lichtschaltern und Steckdosen. Auf der anderen Seite steht Schneider Electric, ein globaler Konzern für Energieverteilung, Automatisierung und Gebäudetechnik.

Schneider Electric Pressebild zur vernetzten Gebäudetechnik
Schneider Electric ist bereits tief in Energie und Gebäudetechnik verankert. Bild: Schneider Electric

Schaut man genauer hin, passt das ziemlich gut zusammen.

Schneider Electric baut mit Wiser Home, KNX Lösungen und Energiemanagement bereits seit Jahren am vernetzten Gebäude. Shelly wiederum ist längst mehr als ein Hersteller kleiner WLAN Relais. Die Produktpalette reicht von Energiemessung über Hutschienenmodule und Sensoren bis zu Matter, Zigbee, KNXnet/IP und professionellen Installationslösungen.

Genau an dieser Stelle wird es strategisch interessant. Shelly bringt günstige, flexibel integrierbare Hardware, eine große DIY Community und offene Schnittstellen mit. Schneider Electric bringt weltweiten Vertrieb, Kontakte zum Elektrohandwerk, Gebäudetechnik und sehr viel Erfahrung beim Energiemanagement mit.

Das kann für Shelly Wachstum bedeuten. Es kann aber auch genau die Eigenschaften berühren, wegen denen viele von uns Shelly überhaupt gekauft haben.

Die wichtigste Frage: Bleibt Shelly lokal und offen?

Das ist der Punkt, auf den aktuell fast jede Diskussion hinausläuft. Und hier lohnt es sich, sehr genau zwischen bestätigten Aussagen und Befürchtungen zu unterscheiden.

Shelly beschreibt seine eigene Plattform in der Mitteilung ausdrücklich weiterhin als Kombination aus interoperabler Hardware, Cloud Diensten und offenen Schnittstellen. Auch die technologische Flexibilität wird mehrfach hervorgehoben. Das ist ein gutes Signal.

Eine Garantie, dass jede lokale API, MQTT Funktion oder Home Assistant Schnittstelle auf unbegrenzte Zeit unverändert bestehen bleibt, enthält die Vereinbarung allerdings nicht.

Genau deshalb wäre es aktuell falsch, aus der Übernahme entweder ein Versprechen oder den Untergang von Shelly abzuleiten. Beides wissen wir schlicht noch nicht.

Warum Home Assistant Nutzer besonders genau hinschauen

Shelly ist für Home Assistant ungewöhnlich wichtig. Die offizielle Shelly Integration von Home Assistant kommuniziert direkt mit den Geräten im lokalen Netzwerk. Eine Cloud Verbindung ist dafür nicht notwendig. Home Assistant führt die Integration aktuell mit der höchsten Qualitätsstufe Platinum und als Local Push Integration.

Laut Home Assistant wird die Shelly Integration derzeit in rund einem Viertel der aktiven Installationen verwendet. Das zeigt, dass wir hier nicht über irgendeinen kleinen Hersteller reden, den nur ein paar Bastler im Keller einsetzen.

Technisch ist die lokale Offenheit tief in Shellys aktuellem System verankert. Bei neueren Generationen läuft die Kommunikation unter anderem über RPC und WebSockets. Shelly dokumentiert diese Schnittstellen öffentlich und unterstützt auch MQTT. Mit Local Network Messaging können kompatible Geräte sogar direkt im lokalen Netz miteinander kommunizieren, ohne Cloud und ohne Internet.

Genau das macht Shelly in Home Assistant so angenehm. Man kauft nicht nur einen Schalter. Man bekommt ein Gerät, das sich in eine eigene Automatisierungslogik einfügt.

Shelly Pro 4PM für Hutschiene mit Display und LAN Anschluss
Shelly ist längst mehr als Unterputz Relais. Der Pro 4PM zeigt den Schritt Richtung professionelle Gebäudetechnik. Bild: Shelly

Wer sehen möchte, wie breit Shelly mittlerweile geworden ist, findet bei uns beispielsweise den Test des Shelly Wall Display XL und unseren Beitrag zum Shelly Flood Gen4. Genau diese Mischung aus klassischem Smart Home und immer größerem Ökosystem erklärt, warum Schneider Electric Interesse haben dürfte.

Was die Community gerade befürchtet

In der Home Assistant Community ist die Stimmung deutlich skeptischer als in der offiziellen Unternehmensmitteilung. Ein aktueller Thread in r/homeassistant sammelt innerhalb kurzer Zeit hunderte Reaktionen. Wiederkehrende Sorgen sind steigende Preise, mehr Cloud Zwang, Abos und mögliche Einschränkungen bei lokalen Schnittstellen.

Das sind nachvollziehbare Befürchtungen, aber bislang keine angekündigten Produktänderungen.

Interessant ist außerdem, dass die Diskussion nicht ausschließlich negativ ist. Einige Nutzer verweisen darauf, dass Schneider Electric selbst Smart Home Produkte mit offenen Standards wie Zigbee, Matter und KNX anbietet. Andere sehen den Deal als logische Erweiterung eines Unternehmens, das ohnehin stark auf Energiemanagement und vernetzte Gebäude setzt.

Die Community Reaktion zeigt deshalb vor allem eines: Shelly hat sich Vertrauen aufgebaut. Dieses Vertrauen hängt weniger am Logo als an der Freiheit, die Geräte lokal und mit anderen Systemen verwenden zu können.

Was ist mit bestehenden Shelly Geräten?

Für Geräte, die bereits bei euch zu Hause laufen, gibt es derzeit keinen Grund für hektische Aktionen.

Bestehende Shellys funktionieren nicht plötzlich anders, nur weil ein Übernahmevertrag unterschrieben wurde. Die Transaktion ist noch nicht abgeschlossen und es wurde keine Änderung an Firmware, APIs, Home Assistant, MQTT oder lokalen Weboberflächen angekündigt.

In einigen Community Diskussionen taucht bereits der Tipp auf, automatische Updates komplett abzuschalten. Das würde ich aktuell nicht pauschal machen. Firmware Updates können Sicherheitslücken schließen und Fehler beheben. Ohne konkreten Anlass jede Aktualisierung zu blockieren, kann deshalb genauso problematisch sein wie blind jedes Update sofort einzuspielen.

Der vernünftigere Weg ist der gleiche wie sonst auch: Changelog lesen, bei wichtigen Installationen nicht am ersten Tag aktualisieren und im Zweifel ein paar Tage auf Erfahrungen aus der Community warten.

Sollte man jetzt noch Shelly kaufen?

Auch hier gibt es derzeit keinen sachlichen Grund, vorhandene Kaufpläne automatisch zu verwerfen oder sich zehn Relais auf Vorrat in den Keller zu legen.

Ein aktueller Shelly 1PM Gen4 kann heute lokal betrieben werden, unterstützt mehrere Protokolle und lässt sich in Home Assistant integrieren. Diese Eigenschaften verschwinden nicht dadurch, dass sich die Eigentümerstruktur möglicherweise 2027 ändert.

Anders sieht es aus, wenn ihr gerade ein komplettes Haus mit sehr vielen Geräten plant und euch für die nächsten zehn Jahre auf einen einzigen Hersteller festlegen wollt. Dann sollte die Übernahme ein Grund sein, die weitere Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Das gilt aber ehrlich gesagt für jedes proprietäre Smart Home System.

Je stärker eine Installation auf offene Standards und lokale Schnittstellen setzt, desto weniger abhängig ist sie von einer einzelnen Firmenentscheidung. Genau deshalb sind Matter, Zigbee, Z Wave, KNX und dokumentierte lokale APIs so wichtig. Bei Problemen mit Matter lohnt sich übrigens auch unser aktueller Home Assistant Matter Leitfaden.

Was Schneider Electric zugesagt hat und was nicht

Ein interessanter Punkt im Vertrag betrifft Shelly selbst. Schneider Electric beabsichtigt, den Hauptsitz in Bulgarien, die geografische Struktur und die bestehende Organisation für mindestens drei Jahre nach Abschluss der Transaktion zu erhalten. Das gilt ausdrücklich auch für Forschung, Entwicklung, Engineering, Vertrieb, Betrieb und Management.

Das ist mehr als die typische Aussage, man wolle eine Marke irgendwie weiterentwickeln. Gleichzeitig ist es zeitlich begrenzt und bezieht sich auf Organisation und Belegschaft, nicht auf einzelne Produktfunktionen.

Für Nutzer ist deshalb entscheidend, was nicht zugesagt wurde. Es gibt bisher keine konkrete Garantie für dauerhaft kostenlose Cloud Funktionen, unveränderte Preise, bestimmte APIs oder eine ewige Home Assistant Unterstützung.

Das muss nichts Schlechtes bedeuten. Es ist einfach der Punkt, an dem Fakten aufhören und Spekulation beginnen würde.

Was ich jetzt beobachten würde

Die spannendsten Hinweise werden in den nächsten Monaten wahrscheinlich nicht aus großen Pressemitteilungen kommen, sondern aus den Details.

Ich würde vor allem auf fünf Dinge achten: Bleiben die lokalen APIs vollständig dokumentiert? Entwickelt Shelly MQTT und WebSockets weiter? Wie sehen neue Gen4 und kommende Produktgenerationen aus? Gibt es Änderungen bei kostenlosen und kostenpflichtigen Cloud Funktionen? Und bleibt die Zusammenarbeit mit Home Assistant so eng wie bisher?

Auch die Produktstrategie von Schneider Electric wird interessant. Wenn Shelly stärker mit Wiser, Energiemanagement, PV, Wallboxen und professioneller Gebäudetechnik verzahnt wird, könnte daraus ein ziemlich mächtiges Gesamtpaket entstehen. Das ist derzeit aber eine naheliegende Möglichkeit und keine angekündigte Roadmap.

Mein Fazit: Noch kein Grund für den Panikknopf

Die geplante Übernahme von Shelly durch Schneider Electric ist für den Smart Home Markt deutlich größer, als es der Kauf eines Relais Herstellers zunächst vermuten lässt. Hier trifft eine der offensten und bei Home Assistant beliebtesten Marken auf einen der größten Konzerne für Energie und Gebäudetechnik.

Für Shelly kann das enorme Chancen bringen. Mehr internationale Reichweite, mehr Ressourcen und eine stärkere Verbindung zwischen Smart Home und Energiemanagement passen ziemlich gut zur bisherigen Entwicklung der Marke.

Gleichzeitig verstehe ich, warum viele Home Assistant Nutzer skeptisch reagieren. Shellys größtes Kapital ist nicht nur die Hardware. Es ist das Vertrauen, dass die Geräte auch dann noch nützlich sind, wenn man die Hersteller Cloud nicht benutzen möchte.

Genau daran wird sich Schneider Electric messen lassen müssen.

Bis dahin gilt: keine Panikkäufe, keine vorschnellen Firmware Blockaden und vor allem keine Behauptung, lokale Steuerung sei bereits Geschichte. Im Moment ist sie das nicht. Entscheidend wird sein, ob Shelly auch unter einem neuen Eigentümer das bleibt, was die Marke groß gemacht hat: offen, flexibel und angenehm unspektakulär in Home Assistant.